Ein Schlossgespenst erobert die Schule

Ein alter Haustürschlüssel kann der Anfang einer ziemlich unglaublichen Geschichte sein. Genau mit so einem Schlüssel überraschte Alex Rühle die Erst- und Zweitklässler der Hartmann-Baumann-Schule. Mit seiner Lesung aus dem ersten Band der Zippel-Reihe, „Zippel, das wirklich wahre Schlossgespenst“, nahm er die Kinder mit in eine Welt, in der es hinter ganz gewöhnlichen Türen plötzlich spukt.

Zunächst stellte sich der Autor den Kindern vor. Er erzählte, dass er aus München komme und in einem über 120 Jahre alten Haus wohne. Dieses Haus habe sogar noch ein richtig altes Schloss an der Haustür. Zum Beweis zog er seinen Haustürschlüssel hervor. Ein langer, schwerer Schlüssel mit einem ausgeprägten Schlüsselbart, wie man ihn heute kaum noch kennt. Genau dort, in einem solchen Türschloss, beginnt die Geschichte von Zippel.

Paul hört eine Stimme im Türschloss

Unter ihm wohnt Paul mit seinen Eltern. Paul geht in die zweite Klasse und ist ein Schlüsselkind. Eines Tages kommt er nach Hause, schließt die Tür auf und hört plötzlich eine seltsame Stimme aus dem Schloss. Denn im Türschloss wohnt, bislang gut verborgen, ein Gespenst. Und weil es im Schloss wohnt, ist es selbstverständlich ein Schlossgespenst.

Mit viel Gespür für Timing und mit wandelbarer Stimme las der Autor die Szene vor, in der Paul und Zippel sich zum ersten Mal begegnen. Vorsichtig lugt das kleine Gespenst aus dem Schlüsselloch hervor, redet ohne Punkt und Komma und bringt Paul mit seinen schrägen Gedanken gehörig durcheinander. Paul ist zunächst irritiert, doch schnell merkt er, dass dieses Gespenst vor allem eines ist: urkomisch. Er gibt ihm den Namen Zippel. Bei Erwachsenen verschwindet Zippel übrigens sofort. Sie können ihn weder sehen noch hören. Nur Kinder haben das Glück, ihm zu begegnen.

Schon beim Kennenlernen entstehen herrlich witzige Dialoge. Zippel verdreht Wörter, verwechselt ähnlich klingende Begriffe und nimmt alles ganz genau. Ständig hat er Quatsch im Kopf. Alex Rühle versteht es meisterhaft, diese Sprachspiele lebendig werden zu lassen. Er spricht nicht einfach wie Zippel, vielmehr scheint es, als wäre Zippel selbst im Raum. Die Kinder hängen an seinen Lippen. Ganz ohne große Show wirkt allein die Kraft der Geschichte, getragen von der Stimme des Autors.

Mandarine, Spaghetti und ein Wasserfall im Wohnzimmer

Besonders viel gelacht wurde bei der Szene, in der Paul eine Mandarine isst. Während Paul genüsslich eine Spalte nach der anderen verspeist, beobachtet Zippel ihn fassungslos. Für das Schlossgespenst sieht es so aus, als würde das Essen einfach verschwinden. Für ihn ist das ein Zaubertrick. Eben war die Mandarine noch da und plötzlich ist sie weg. Als Paul später auch noch Spaghetti isst, ist Zippel endgültig verwirrt. Er staunt, dass in Pauls Bauch nun eine Mandarine und auch noch Spaghetti sein sollen. Bleibt das alles für immer dort drin? Paul muss seinem neuen Freund erst einmal erklären, wie Verdauung funktioniert. Auf der Toilette ist Zippel dann vollkommen begeistert von der Spülung. Für ihn rauscht plötzlich ein ganzer Wasserfall durch die Wohnung.

Immer wieder bezog Alex Rühle die Kinder aktiv ein. Als Paul die Mandarine schälte, machten die Schülerinnen und Schüler die Bewegungen begeistert mit. Später sollten sie Zutaten für ein Spaghettigericht nennen. Tomaten, Käse, Basilikum und noch vieles mehr wurde laut in den Raum gerufen.

Unterstützt wurde die Geschichte von ausdrucksstarken Illustrationen, die der Autor zeigte. Die Bilder stammen von Axel Scheffler, der unter anderem durch „Der Grüffelo“ bekannt wurde. Seine Zeichnungen fangen nicht nur Zippels Tollpatschigkeit und seinen Witz kongenial ein, sondern lassen auch die Handlung der Geschichte lebendig werden und machen viele Szenen auf einen Blick anschaulich, sodass die Kinder dem Geschehen noch leichter folgen konnten.

Turbulenzen im Klassenzimmer

Im dritten Leseabschnitt wurde es turbulent. Paul hat seinem Freund eine klare Regel aufgestellt: Zippel darf nicht mit in die Schule. Doch natürlich kommt es anders. Heimlich versteckt sich das Schlossgespenst in Pauls Schultasche. Dort sorgt es bald für reichlich Verwirrung. Besonders Tim und Tom, zwei Mitschüler, die Paul immer wieder ärgern und ihm sogar das Pausenbrot wegnehmen, bekommen Zippels Einfallsreichtum zu spüren.

Zippel beobachtet die Gemeinheiten genau. Für ihn steht fest, dass man Freunde verteidigen muss. Zum Glück besitzt er eine ganz besondere Fähigkeit. Er kann Stimmen perfekt nachmachen, wenn er sie nur einmal gehört hat. Im Unterricht von Herrn Ampelmeier ertönt plötzlich eine freche Bemerkung mit der Stimme von Tim oder Tom. Aus Herrn Ampelmeier wird Herr Hampelmeier oder sogar Herr Ampelmännchen. Später fällt auch noch der Name Herr Strampelanzug. Der Lehrer ist empört und glaubt natürlich, einer der beiden Jungen habe ihn verspottet. Tim und Tom geraten ordentlich in Schwierigkeiten.

Sie sind überzeugt, dass Paul dahintersteckt und seine Stimme verstellt hat. Von Zippel wissen sie nichts. Nach der Schule lauern sie Paul auf. Doch diesmal ist Paul nicht mehr so ängstlich wie früher. Er weiß, dass er nicht allein ist. Zippel steht ihm bei und sorgt mit seinen Einfällen dafür, dass Tim und Tom schließlich klein beigeben. Von da an lassen sie Paul in Ruhe.

Eine Lesung, die Lust aufs Lesen macht

Wie sehr den Kindern die Lesung gefallen hat, merkte man am Ende deutlich. Die Zeit war wie im Flug vergangen. Viele hätten nur zu gerne noch weiter zugehört. Es war diese besondere Mischung aus Spannung, Witz und lebendigem Vortrag, die die Veranstaltung zu einem eindrücklichen Erlebnis machte und im besten Sinne Lust aufs Weiterlesen weckte.

Im Anschluss hatten die Kinder die Möglichkeit, ein Zippel-Buch zu erwerben. Die Buchhandlung Gansler hatte einen ansprechend gestalteten Büchertisch mit allen Bänden der Reihe vorbereitet. Seit vielen Jahren unterstützt die Buchhandlung die Schule zuverlässig bei der Organisation und Durchführung von Lesungen. Geduldig signierte Alex Rühle die Bücher und versah sie ganz im Stil von Zippel mit bunten Zeichnungen und fröhlichen Farben.

Für manche Kinder war Zippel bereits ein alter Bekannter. Im Lesebuch der Schule findet sich ein Textauszug, einige besitzen sogar das Buch oder kennen die Geschichte als Hörfassung. Doch nach dieser Lesung waren sich alle einig: Zippel muss man einfach selbst lesen.

Ein Schlossgespenst im Türschloss hat an diesem Vormittag nicht nur für viele Lacher gesorgt, sondern vor allem eines bewirkt: große Freude am Lesen.